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Paraguay aus besonderer Sicht PDF Drucken E-Mail
Reise
Mittwoch, 08. Juli 2009 16:47
Jorge [gesprochen Chorchä] Gerhard ist Diakoniepfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche am Rio de la Plata. Er kümmert sich um alle diakonischen Einrichtungen seiner Kirchengemeinden wie Kindergärten, Altenheime, Frauenhäuser und um Menschen, die Projekte gegen Drogenkonsum, Gewalt in den Familien oder Kindesmissbrauch leiten, meist Sozialarbeiter/innen oder Psychologen/innen. Sein Arbeitsgebiet, die La Plata Kirche, umfasst drei Länder: Uruguay, Paraguay und Argentinien. Ständig unterwegs sieht er seine Familie in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, seltener als wünschenswert.
Im März diesen Jahres hat er uns eine Woche durch Paraguay geführt. „Wir“ waren eine Gruppe des Gustav-Adolf-Werkes (GAW), neun Frauen und zwei Männer. Das GAW ist eine Einrichtung der evangelischen Kirche, die evangelische Minderheiten in andersgläubiger Umgebung unterstützt. Die Frauenabteilung tut dies meist mit sozialen Projekten der örtlichen Kirchengemeinden. Es ging bei der Reise darum, soziale Einrichtungen zu sehen, die schon vom GAW gefördert worden waren und neue Projekte zu begutachten, ob sie sinnvoll und finanzierbar sind.
Jorge Gerhard empfing uns am Flughafen in Asunción, der Hauptstadt Paraguays. Unter einem Arm trug er eine Thermoskanne  mit heißem Wasser, in der Hand einen Mateteebecher aus einem Rinderhorn. Ziemlich viele Leute laufen mit diesen beiden Utensilien auf der Straße herum. Bei jeder Konferenz wurde der Becher gefüllt und ungeachtet aller Hygiene herumgereicht. Jeder durfte /musste durch eine Art Schnorchel den Tee schlürfen. Er wird mit kaltem Wasser als Tereré oder mit heißem Wasser als Mate cocido angeboten und schmeckt ziemlich bitter. Mate ist das Nationalgetränk und hat Gemeinschaft stiftenden Charakter.
Asunción hat eine Million Einwohner, das ganze Land Paraguay knapp sieben Millionen. Im Zentrum der Stadt gibt es prachtvolle Regierungsgebäude, zum Teil sehr modern aus Stahl, Beton und Glas. Direkt gegenüber an einer Lagune des Rio Paraguay liegen die Hütten der Armen, Überschwemmungen direkt ausgesetzt. Im zentralen Stadtpark stehen Zelte armer Menschen, eine direkte Provokation. An der Mauer des Parks steht: „Soja=Muerte“ (Soja=Tod). Der vermehrte Anbau von Soja, oft in Monokultur, durch die Großgrundbesitzer hat zu steigenden Lebensmittelpreisen geführt, Kleinbauern und Indigenes (Menschen, die von den Ureinwohnern abstammen) wurden umgesiedelt, Wälder abgeholzt um neue Anbauflächen zu gewinnen. Alles Folgen des Biospritbooms. Weil Biosprit kein Nahrungsmittel ist, dürfen große Mengen von Schädlingsbekämpfungsmitteln eingesetzt werden. Die Macht der Großgrundbesitzer kommt schon in Zahlen zum Ausdruck: 66% der landwirtschaftlichen Fläche  gehört 10% der Bevölkerung. Der Vorsteher der evangelischen Gemeinde in Asunción, selbst Landwirt, meinte, es habe eine Landreform gegeben, die Kleinbauern seien aber zu faul oder zu unwissend um etwas mit dem Land anzufangen. Der vermehrte Sojaanbau sei kein echtes Problem, sondern nur von den Linken dazu gemacht worden.
Bei unserem Rundgang durch die Stadt Asunción wurden wir in der Nähe der Armensiedlung ständig von Polizei begleitet. Es war unklar, ob wir vor Überfällen geschützt werden sollten oder ob wir daran gehindert werden sollten, direkt in die Siedlung zu gehen. Am Rande der Siedlung hatte Cynthia Espinoza, eine Engländerin, einen Kindergarten für die Armen gegründet, der heute von deutschstämmigen Frauen der evangelischen Gemeinde geleitet wird. Eine einheimische Sozialarbeiterin und eine Psychologin halten Kontakt zu den Eltern, die Kinder werden in Altersgruppen bis zu einer Art Vorschule hervorragend betreut und verpflegt. Es läuft ein Antrag an das GAW für einen Umbau, um eine weitere Kindergruppe zu eröffnen. Vor allem die Arbeit mit der ganzen Familie, um Probleme wie Gewalt, Drogenkonsum oder Kindesmissbrauch zu bekämpfen, hat uns sehr beeindruckt.
Ein weiteres Projekt außerhalb von Asunción wird von einem deutschen Ehepaar Lisa und Ulrich Dömel getragen. Beide leben schon seit 16 Jahren auf einem Bauernhof inmitten armer Landbevölkerung, die dort Land besetzt hat. Das Ehepaar bietet Kurse in verschiedenen Kulturtechniken an und Beratung der meist wenig gebildeten Menschen in allen Lebenslagen. Ein Freundeskreis aus Deutschland sorgt für die Finanzierung des täglichen Transports von dreißig Kindern zur Schule in die 20 km entfernte Stadt. In einem bereits fertigen kleinen Anbau soll die Berufsausbildung dieser Kinder nach der Schule beginnen.
Eine sechsstündige Fahrt auf einer kürzlich erst erbauten Teerstraße führte uns in den Gran Chaco. Der Chaco ist ein großes teils sumpfiges, teils wasserarmes Gebiet im Nordwesten Paraguays, in dem nur 5% der Bevölkerung leben. Der Rest lebt im süd-östlichen fruchtbareren Teil des Landes zwischen Rio Paraguay und Rio Paraná. Im Chaco gibt es viele Siedlungen von Mennoniten, die seit 1927 aus Russland, den USA und Mexiko dort eingewandert sind, mittlerweile ca. 40.000. Diese religiöse Gruppe hat ihre eigenen Schulen, ein eigenes Sozialwesen und Deutsch als Sprache in Schule und Verwaltung. Wir wohnten bei Mennoniten, deren Vorfahren im 18. Jahrhundert in der Ukraine siedelten, und die seither ihr Deutsch bewahrt haben. Am Ende des zweiten Weltkriegs flohen sie nach Deutschland und wanderten in den 50er Jahren aus. Nach sehr schwierigen Anfangsjahren, in denen sie sich z. B. Monate lang nur von Bohnen und Öl, einer Spende von Glaubensbrüdern aus den USA, ernährt hatten, sind sie heute sehr erfolgreiche Geschäftsleute mit landwirtschaftlichen Produkten, Werkzeugen, Elektrohandel und anderem. Eine Schweizer Mennonitin aus der Gemeinde kümmert sich sehr um die Reste der indigenen Bevölkerung. Wir besuchten mit ihr ein Dorf der Nivaklé, in das das GAW schon früher Geld für den Bau von Zisternen gegeben hatte, damit die Menschen im trockenen Sommer genügend Wasser hatten. Wir überzeugten uns von der ausgezeichneten Funktion der bisherigen Zisternen, die Finanzierung weiterer ist beantragt. Die Nivaklé haben eine eigenartige Sprache mit vielen Klicklauten. Sie leben von Arbeiten auf den Ländereien der Mennoniten. Der Absatz von handwerklichen Arbeiten für Eine-Welt-Läden oder Touristen ist durch Überschwemmung des Marktes mit solchen Produkten kaum noch möglich. Die Schweizer Mennonitin kämpft für die Rechte und die Ausbildung der indigenen Bevölkerung und gegen deren Diskriminierung und Benachteiligung im Land. Sie sammelt Gebrauchsgegenstände der Nivaklé für ein Museum, um deren kulturelles Erbe zu bewahren.
Unsere Reise führte uns am Ende in den Osten des Landes nach Santa Rosa del Monday. Dort, in einem Jugendheim, wurden uns verschiedene soziale Projekte vorgestellt, die von den örtlichen evangelischen Kirchengemeinden ausgingen: Ausbildung von Frauen in verschiedenen Handwerken, ehrenamtliche Krankenpflege zu Hause, Kurse für Frauengesundheit oder Aids-Prävention. Als Gastgeschenke erhielten meine Frau und ich auf dieser Tagung, schwitzend im feucht-heißen Klima, je eine selbst gehäkelte Wollmütze! In den Städten des Ostens blüht wegen des Dreiländerecks Brasilien, Argentinien-Paraguay der Kleinschmuggel und Kleinhandel.
Paraguay ist so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen, hat aber nur knapp
7 Millionen Einwohner. Ca. 6% der Bevölkerung hat deutsche Wurzeln. 80% der Bewohner sind katholisch. Guaraní, die Sprache der Einwohner vor der Kolonialzeit, und Spanisch sind Amtssprachen. Am 15.8.08 wurde der Befreiungstheologe Fernando Lugo als Staatspräsident gewählt. Von ihm erhofft man einen Kampf gegen Armut, Vetternwirtschaft und Korruption im Land.                          J. S.
 

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