| Ein Weihnachtsmärchen - Wie ein Fahrrad die Homberger sieben Jahre lang zum Lachen brachte |
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| Dorfleben |
| Samstag, 02. Januar 2010 14:08 |
Es war einmal ein kleines Dorf, das lag weit hinter der Autobahn versteckt auf einem hohen Berg, weshalb es Homberg genannt wurde. Es war aber so klein, dass seine Geschicke längst von der Stadt auf der anderen Seite der Autobahn gelenkt wurden. Doch das störte die Dorfbewohner nicht. Sie gingen friedlich ihrer täglichen Arbeit nach und feierten zusammen viele Feste. Eines Tages nun dachte die Stadt auf der anderen Seite darüber nach, wie sie es der sich aufplusternden großen Stadt am Rhein, die sich mit Künstlern aller Art schmückt und sogar eine Kunsthochschule betreibt, gleich tun könnte, und lud Künstler ein, bei ihr zu wohnen. Und so begab es sich, dass Künstler in die alte Schule in Homberg einzogen. Das Gebäude zeigte zwar allerlei Schäden auf, die Fußböden marode, die Heizung rumpelte und pumpelte, aber die Künstler waren es zufrieden und richteten sich ein, so gut es eben ging. Das Märchen könnte hier zu Ende sein, wäre da nicht eine Leidenschaft, die einen Künstler erst auszeichnet: den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie das erkennen können, was sie immer so gern ausblenden. Und so kam es, dass einer der Künstler, wir nennen ihn Herrn D, über die Dorfbewohner nachsann. Sie wurden immer träger, jammerten über die hohen Spritpreise, klagten über Diabetes und Bluthochdruck und verbrachten die meiste Zeit vor Fernseher und Computer. Viele kluge Ratschläge prasselten auf sie ein, doch nichts half. Sportvereine luden sie ein, sich mehr zu bewegen, ein Chor suchte mehr Sänger. Sie liefen zu den Ärzten, aßen Tabletten, aber nichts half, ihrer Trägheit zu begegnen. Da fiel unserem Künstler jene großartige Erfindung aus dem 19. Jahrhundert wieder ein, die ganze Völker, so lange sie noch auf das Auto warten müssen, in Bewegung hält. Mit der noch bis vor 50 Jahren auch bei uns ganze Warenströme hin und her transportiert wurden, und die nun irgendwo in den Kellern oder Garagen vor sich hinrostet – das Fahrrad -. Ja, dachte der Künstler D, würden die Menschen alle kurzen Strecken mit dem Fahrrad fahren, z.B. zum Einkaufen, die Kinder in den Kindergarten bringen, Oma und Opa besuchen, in der Bibliothek ein Buch abholen, ja dann – dann brauchten die Menschen nicht mehr so viel zu jammern. Die Spritpreise wären uninteressant, der Bluthochdruck würde sinken, die Diabetes zurückgehen, im Sportverein würde die Sparte der Radfahrer aus allen Nähten platzen, und auch das Thema Autobahn wäre erledigt, denn nun brauchten die Menschen statt der A44 eine umweltschonende Fahrradautobahn. Der Künstler dachte lange über all das nach, wägte alle Argumente hin und her. Da ist die Zeit, die die Menschen nicht mehr haben, weil sie nun viel Zeit zum Fernsehen brauchen, da sind die überflüssigen Pfunde, die das Fahrradfahren beschwerlich machen, da ist die Bequemlichkeit, die sie dazu verführt, sich hinter allerlei Ausreden zu verstecken. Und nun erinnerte sich unser Künstler an seine eigentliche ureigenste Aufgabe, für die er in Homberg kostenlos sein Atelier betreiben darf. Er musste den Hombergern einen Tipp geben, sozusagen einen Fingerzeig. Da gab es für ihn nur eine Lösung, ein Fahrrad auf dem Dach. Da würden die Homberger ins Grübeln geraten, sich daran erinnern, dass irgendwo in der hintersten Ecke so ein ähnliches Gerät vor sich hinmodert, sie würden sich an ihre Kindheit erinnern, wo es nichts Aufregenderes gab, als das eigene Fahrrad, sie würden … sie würden… Dem Künstler schlug das Herz bis zum Halse, er zögerte nicht lange, opferte sein eigenes Fahrrad, denn hier ging es ums Ganze, hier ging es darum, die Dorfbewohner aufzurütteln, und setzte es weithin sichtbar auf sein Dach, freilich nicht ohne es fest und sicher an einen Antennenmast anzuketten. Wie würden die Homberger reagieren, würde das Fahrrad auf dem Dach sie aus dem Alltagstrott aufrütteln, würde es sie zum Nachdenken bringen? Vielleicht würden sie sich alle auf dem alten Schulhof versammeln und beschließen, im Dorf nur noch mit dem Fahrrad zu fahren. Unser Künstler D harrte der Dinge. Doch es kam alles anders, oder, wenn man ganz genau darüber nachdenkt, eigentlich so, wie es kommen musste. In der Stadt auf der anderen Seite der Autobahn sitzt in seinem Büro nichts ahnend der Dezernent, wir nennen ihn Herrn XY, der für die Ordnung in der Stadt und in unserem Dorf zuständig ist. Da fliegt die Tür auf. Einer seiner fleißigen Mitarbeiter steht außer Atem vor seinem Schreibtisch. Kein Wort bekommt der arme Mann heraus, sein Gesicht ist die reinste Empörung. „Nun, nun,“ versucht der Dezernent ihn zu beruhigen, „setzen Sie sich doch erstmal! Was gibt es denn so Schlimmes zu berichten, guter Mann?“ Diese lobenden Worte zeigen Wirkung und so berichtet der Mitarbeiter, wenn auch immer noch unterbrochen durch tiefes Aufseufzen, was sich in Homberg zugetragen hat. Nun ist der Dezernent ein Mann, der klug abwägt, bevor er zur Tat schreitet, aber das geht nun doch zu weit: Ein Fahrrad auf dem Dach? Das ist doch die Höhe. Das hat es bisher noch nie gegeben. Was könnte das nach sich ziehen? Könnte es vielleicht ‚schlafende Hunde’ wecken, die der Dezernent überall wittert, schließlich möchte er bald wiedergewählt werden. Auch unser Dezernent beginnt nun sehr sorgfältig über alles nachzudenken. Die Homberger, immer wieder diese Homberger. Haben sie nicht auch dem Bürgermeister vor seiner Wiederwahl schwer zu schaffen gemacht? Haben sie ihm nicht das Gemeindezentrum abgetrotzt, das die Stadt eigentlich abreißen wollte? Und dann diese Schreiberlinge von der angeblichen Dorfpresse. „Dorfpresse“, entfährt es unserem Dezernenten, „dass ich nicht lache! Ein Schmierblatt! Hetzen die Bürger auf, obwohl es ihre Pflicht wäre, die Bürger im Sinne des Bürgermeisters aufzuklären! Und was ist, wenn sie nun etwas von dem Fahrrad auf dem Dach erfahren?“ Unser Dezernent zuckt zusammen. Er gehört nicht zu den Leuten, die ihre Gefühle an der Garderobe abgeben. Auch wenn man immer von ihm erwartet, dass er ruhig bleibt. Nein, das ist denn doch zuviel. Hier steht seine Zukunft, seine Wiederwahl auf dem Spiel. Sicher unser Dezernent ist ein großer Freund der Kunst – wenn sie ordnungsgemäß angemeldet und genehmigt ist, und so manches mal hat er der geschätzten Kunst zu ihrer Wirkung verholfen, aber einfach so ein Fahrrad … „Wo kommen wir dahin“, unser Dezernent schlägt mit der Faust auf den Tisch, „wenn das jeder machen würde! Das Fahrrad muss wieder vom Dach!“ Aber das ist einfacher gesagt, als getan. Schließlich gibt es im Dorf diese Schreiberlinge, wenn die Wind davon bekommen… Unser Dezernent darf gar nicht darüber nachdenken. Glücklicherweise ist Künstler D ein friedlicher Mann, er ist nicht so ein Quastenschwinger, der die Stadtverwaltung vor das Gericht zerrt und in einen jahrelangen Prozess verwickelt. Wenn man nur mit dem notwendigen Nachdruck ihm klar macht, dass das Fahrrad wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses wieder vom Dach muss. Nun gut, rein juristisch gesehen ist dieses Argument nicht stichhaltig und eigentlich hätte unser Dezernent sofort einen Beamten hinausschicken müssen, um den Künstler D bei der ordnungsgemäßen Sicherung des Fahrrades zu beraten. Aber was kommt dann? Es ist Donnerstagmorgen und als intellektueller Mensch liest unser Dezernent zum Frühstück die ZEIT. Was ist das? „Die Macht des Wandels“ liest er auf Seite 39 und darüber ein Foto mit tausenden von Menschen, die ein Fahrrad hochheben. Freilich, das Foto stammt aus Budapest, wenn aber diese Welle bis nach Homberg schwappt, angefacht durch das Fahrrad auf dem Dach? Oder gar bis vor das Rathaus? „Meine Wiederwahl“, durchzuckt es den Dezernenten, „jetzt muss energisch gehandelt werden!“ In dem kleinen Dorf hoch auf dem Berg hat derweil der Künstler D allerhand Post bekommen. Und eines Tags ist auch ein Brief von dem Ordnungsamt dazwischen. Die Stadt mache sich Sorgen, steht da, um seine Sicherheit und die der vielen Fußgänger und Kinder, die hin und wieder mal nach dem längst geschlossenen Kindergarten sehen. Ja, und was ist, wenn es mal stürmt, wie wieder Mal in der letzten Nacht? Unser Künstler D ist nicht nur ein friedliebender Mann, er ist auch ein kluger Mann. Er holt das Fahrrad vom Dach und schmunzelt. Längst hat sich das Fahrrad auf dem Dach herumgesprochen, und in der Rheinischen Post sind nun viele „hätte“ zu lesen: „Es hätte Stil gehabt“, „es hätte die Stadt bürgernäher erscheinen lassen“, steht da. Auch die Schreiberlinge von der Dorfpresse haben nun Gelegenheit, ihre Messer zu wetzen. Und so kann unser Künstler D sehr zufrieden sein. Er hat eigentlich vielmehr erreicht, als er ursprünglich erwartet hatte. Und die Homberger? Nun haben sie wieder etwas zum Lachen, so wie sie gelacht haben, als sie das Gemeindezentrum retten konnten, und lachen jetzt auch dann, wenn sie einen Brief vom Ordnungsamt bekommen, und sie lachen, wenn man ihnen etwas verbietet, und sie lachen auch dann, wenn man ihnen mit Strafe droht, und sie lachen… und lachen … und lachen. Sollte der Herr Dezernent erwartungsgemäß wiedergewählt werden, dann haben die Homberger nun sieben Jahre lang etwas zum Lachen. Wie gesagt, hier wurde nur ein Märchen erzählt und darum heißt es auch zum Schluss: Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Die Redaktion |






Es war einmal ein kleines Dorf, das lag weit hinter der Autobahn versteckt auf einem hohen Berg, weshalb es Homberg genannt wurde. Es war aber so klein, dass seine Geschicke längst von der Stadt auf der anderen Seite der Autobahn gelenkt wurden. Doch das störte die Dorfbewohner nicht. Sie gingen friedlich ihrer täglichen Arbeit nach und feierten zusammen viele Feste. Eines Tages nun dachte die Stadt auf der anderen Seite darüber nach, wie sie es der sich aufplusternden großen Stadt am Rhein, die sich mit Künstlern aller Art schmückt und sogar eine Kunsthochschule betreibt, gleich tun könnte, und lud Künstler ein, bei ihr zu wohnen. Und so begab es sich, dass Künstler in die alte Schule in Homberg einzogen. Das Gebäude zeigte zwar allerlei Schäden auf, die Fußböden marode, die Heizung rumpelte und pumpelte, aber die Künstler waren es zufrieden und richteten sich ein, so gut es eben ging. Das Märchen könnte hier zu Ende sein, wäre da nicht eine Leidenschaft, die einen Künstler erst auszeichnet: den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie das erkennen können, was sie immer so gern ausblenden. 